Sexualität und Behinderung

Ein Pärchen sitzt küssend auf einer Wiese

Für die meisten Menschen ist Sexualität ein wichtiges Thema – auch wenn selten offen darüber gesprochen wird. Gerade in Hinblick auf Menschen mit Behinderung gibt es hier noch eine Reihe von Tabus. Insbesondere wenn es sich um Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen handelt. Viele Menschen – mit und ohne Behinderung – leben Sexualität am liebsten in einer festen Partnerschaft. Darum gehören die Themen Partnerschaft und Sexualität eng zusammen.
Gleichzeitig leben immer mehr Menschen außerhalb einer festen Partnerschaft. Manche tun dies aus Überzeugung, andere weil sie den richtigen Partner noch nicht gefunden haben. Auch sie wollen Sexualität erleben und können Wege dazu finden. Ein Weg ist Masturbation. Andere Menschen wiederum haben sich aus unterschiedlichen Gründen gegen sexuelle Aktivität entschieden. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie auch keine Partnerschaft wollen. Wer anderen Menschen helfen will, ein (auch sexuell) erfülltes Leben zu führen, muss genau wahrnehmen können, was individuell als Erfüllung verstanden wird. Die Nachfrage nach Beratung und Hilfe für ein erfülltes sexuelles Leben innerhalb und außerhalb einer Partnerschaft ist jedenfalls vorhanden – bei Menschen mit Behinderung ebenso wie bei Menschen ohne Behinderung.

Beratung für Menschen mit Behinderung

Sexuelle Wünsche und Sehnsüchte sind sehr individuell und vielfältig. Nicht immer können alle Wünsche erfüllt werden, aber sie sollten nicht ignoriert werden. Professionelle Sexualberatung (auch Anleitung und Begleitung) kann hier hilfreich sein; für Menschen mit Behinderung, für Angehörige und für das Personal in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Zu empfehlen sind die Pro Familia-Beratungsstellen. 180 Beratungsstellen verteilen sich über das gesamte Bundesgebiet. Hier kann man ganz einfach seine Fragen zu Themen wie Sexualität, Partnerschaft, Schwangerschaft und Elternschaft stellen. Pro Familia bietet auch eine kostenlose Online-Beratung.

Pro familia – Für selbstbestimmte Sexualität
Bundesverband
Stresemannallee 3
60596 Frankfurt am Main
Telefon: 069- 26 95 779-0
E-Mail: info@profamilia.de

Eine weitere Adresse ist das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB)“, ein Lehr- und Beratungsinstitut mit dem Schwerpunkt Sexualberatung. Das Ziel der Sexualberatung ist hier Empowerment (also Selbstverantwortung / Selbstkompetenz) besonders für Menschen mit Behinderung. Ratsuchende sind einzelne Menschen mit Behinderung, Paare, Familien oder Teams aus Einrichtungen. Das Institut bietet auch eine Ausbildung für angehende Sexualbegleiter und -begleiterinnen an. Auf der Internetseite findet sich außerdem eine Liste mit Kontaktadressen zum Thema „Sexualbegleitung und Sexualassistenz“.
Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB)
Dipl. Psychologe Lothar Sandfort
Nemitzer Straße 16
29494 Trebel
Telefon : 05848 - 98 15 65
E-Mail:isbbtrebel@aol.com
Internet:www.isbbtrebel.de

Sexualbegleitung

Auch Männer und Frauen mit Behinderung nutzen die Angebote von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern. Sexarbeit ist eine Bezeichnung für sexuelle Dienstleistungen, die umgangsprachlich als Prostitution bezeichnet werden. Als Alternative dazu haben sich in den vergangenen Jahren – nach dem Vorbild der SAR (ein Anbieter von Sexualbegleitung) in den Niederlanden – auch in Deutschland Anbieter von Sexualbegleitung etabliert. Die Sexualbegleitung ermöglicht sexuelle Dienstleistungen von Männern und Frauen, die dafür ausgebildet wurden. Bei der Sexualbegleitung wird eine würdevolle Beziehung aufgebaut, die einen Ausgleich findet zwischen professioneller Distanz und emotionaler Achtung. Es gibt regelmäßige Supervisionen und eine spezielle Ausbildung, die auch von Menschen mit Behinderung selbst durchgeführt wird.

Weitere Informationen zum Thema Sexualbegleitung auf der Internetseite „MyHandycap“.
Für Österreich: Fachstelle .hautnah.

Die Initiative "Sexybilities" in Berlin bietet Beratung zum Thema Sexualität und Behinderung nach dem Peer-Counseling -Prinzip, d.h. Betroffene beraten Betroffene. Die Initiative ist der ASL - Arbeitsgemeinschaft für selbstbestimmtes Leben schwerstbehinderter Menschen e.V. (ASL) angeschlossen. Die Beratung kann anonym über Telefon oder E-Mail erfolgen oder direkt in der Beratungsstelle bzw. an einem anderen Ort, den die Klienten wählen. Sexybilities vermittelt Kontakte zu Sexarbeiterinnen und -arbeitern, deren Arbeitsweise den Beratenden bekannt ist und die sie weiterempfehlen können. Darüber hinaus werden Gesprächsgruppen und Themenabende organisiert. Die Berater von Sexybilities lehnen Sexualbegleitung als spezielle Ausbildungsprofession ab, da sie darin eine neue Besonderheit für Menschen mit Behinderung sehen.
Sexybilities beim ASL e. V.
Trendelenburgstr. 12
14057 Berlin
Telefon: 030 - 61 40 14 00
E-Mail: asl-berlin@t-online.de

Ein Gespräch mit Matthias Vernaldi (Mitbegründer von "Sexybilities") im Aktion Mensch-Blog

In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Partnervermittlungen und Single-Börsen für Menschen mit Behinderung gegründet. Einen ersten Überblick bietet das Internetforum „MyHandicap“ unter diesem Link. In der Rubrik „Partnerschaft & Sexualität“ finden sich auf „MyHandicap“ viele weitere Informationen zum Thema Sexualität und Behinderung.

Sexualität und geistige Behinderung

Menschen, die als "geistig behindert" gelten, haben keine "besondere" Sexualität. Die meisten von ihnen wünschen sich genau das Gleiche wie ihre Altersgenossen ohne Behinderung: Freundschaft, Liebe, Partnerschaft, Zärtlichkeit, Geborgenheit, Leidenschaft. Menschen mit geistiger Behinderung haben sehr unterschiedliche Fähigkeiten und Eigenschaften. Gerade bei dem sensiblen Thema Sexualität muss diese Verschiedenartigkeit berücksichtigt werden. Begleitung und Unterstützung sollten sich daher immer an den Bedürfnissen und Möglichkeiten jedes einzelnen Menschen orientieren. Einrichtungen, die geschult sind in der sexualpädagogischen Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung sollten hier erste Ansprechpartner für Familienangehörige und Fachkräfte sein.

Linktipp: Pro Familia Broschüre „Sexualität und geistige Behinderung“

Selbstbefriedigung

Die meisten Jungen und viele Mädchen masturbieren – egal ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Selbstbefriedigung ist völlig normal und hilft, den eigenen Körper besser kennen zu lernen. Die Jugendlichen sollten durch ein aufklärendes Gespräch ein angemessenes Verhalten in der Öffentlichkeit und in Gemeinschaftsräumen, beispielsweise der Wohnung, lernen. In den meisten Fällen kann man ihnen vermitteln, dass Öffentlichkeit und Intimbereich unterschiedliche Verhaltensweisen verlangen. Wenn jedoch schwerer beeinträchtigte Jugendliche keine befriedigenden und sozial tolerierten Formen für sich finden können, herrscht noch Unstimmigkeit seitens der Pädagogen und Bezugspersonen darüber, ob und wie sie beim Erlernen günstigerer „Techniken“ unterstützt werden sollten. Auch hierzu kann man sich bei den Beratungsangeboten, beispielsweise von Pro Familia, der Lebenshilfe, oder des Bundesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. (bkvm) informieren.

Sexuelle Beziehungen und Partnerschaft

Auch Mädchen und Jungen mit einer geistigen Behinderung haben ab einem gewissen Alter den Wunsch nach Geschlechtsverkehr. Viele Eltern kommen gut damit zurecht, weil sie froh sind, dass ihre Tochter oder ihr Sohn eine Partnerin oder einen Partner gefunden hat. Egal, ob es sich um eine hetero- oder homosexuelle Beziehung handelt. Homosexualität und Heterosexualität unter Menschen mit geistiger Behinderung kommen ebenso häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung. Eltern, die Schwierigkeiten damit haben, dass ihr Kind eine homosexuelle -, oder überhaupt eine Beziehung oder Partnerschaft eingeht, können sich an Beratungsstellen wie beispielsweise Pro Familia wenden.

Pubertät

Mitunter denken Eltern mit einigem Schrecken an die Pubertät ihrer Kinder zurück. Tröstlich für Eltern von Kindern mit Behinderung ist Folgendes: Eigenwilligkeit, Trotz, heftige Auseinandersetzungen mit Mutter oder Vater, Nachlässigkeiten bei der Körperhygiene und der Kleidung, seltsame Geschmacksverirrungen sind keineswegs auf Jugendliche mit Behinderung beschränkt. Sie sind vielmehr typisch für alle Pubertierenden.
Im Allgemeinen werden bei Menschen mit geistiger Behinderung keine vom üblichen Schema abweichenden körperlichen Entwicklungen beobachtet. Während die körperliche Entwicklung altersentsprechend verläuft, ist die seelisch-geistige Entwicklung häufig verlangsamt. Keineswegs sollte man daraus schließen, dass Menschen mit geistiger Behinderung nicht fähig seien, ihre sexuellen Wünsche zu äußern und zu gestalten.
Alle Sorgen und Befürchtungen im Pubertätsalter – ob bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Einrichtungen oder den Eltern – lassen meist außer Acht, dass die Pubertät gerade auch für Menschen mit geistiger Behinderung eine große Chance ist. Sexuelle Befriedigungsmöglichkeiten können entdeckt werden und möglicherweise entsteht zu einem anderen Menschen ein Verhältnis der Zuneigung, vielleicht sogar der Liebe. Auch das ist Teil der gesamten Persönlichkeitsentwicklung.

Weitere Informationen zum Thema Pubertät bietet das Internetforum „MyHandicap“.

Mit Fragen kann man sich auch an das Internetforum netmoms wenden.

Sexualaufklärung im Jugendalter

Aufklärung ist ein Thema, das sich in Hinblick auf Jugendliche mit Behinderung gar nicht so sehr von der Sexualaufklärung für Jugendliche ohne Behinderung unterscheidet. Mit am wichtigsten scheint, dass Mädchen wie Jungen entwicklungsangemessen über ihre körperlichen Veränderungen in der Pubertät informiert werden. Ob Monatsblutung oder Samenerguss – möglichst sollte darüber aufgeklärt sein, bevor diese Ereignisse eintreten. Es kann nicht häufig genug betont werden, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit von Eltern und Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Einrichtungen und Diensten gerade in dieser Lebensphase ist. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen Informationen aus dem Elternhaus über den Stand der Aufgeklärtheit und über den Kommunikationsstil zu Hause, damit den Pubertierenden fair begegnet werden kann.

Schwangerschaftsverhütung

Viele Menschen mit geistiger Behinderung gestalten ihr Liebesleben mit Zärtlichkeiten, Umarmungen, Streicheln und Petting. Bevor auch genitale Kontakte erprobt werden und es zum Geschlechtsverkehr kommt, sollten sie wissen, was sie tun können, um eine ungewollte Schwangerschaft auszuschließen. Auch Menschen mit geistiger Behinderung sind in den meisten Fällen in der Lage, für eine Schwangerschaftsverhütung zu sorgen. Dabei sind junge Frauen mit geistiger Behinderung zumeist recht zuverlässig. Allerdings brauchen sie manchmal eine Erinnerungsstütze, wenn zum Beispiel die Pille eingenommen werden soll. Die Packung sollte stets an derselben auffälligen Stelle liegen, und sie brauchen eine Ansprechpartnerin, der sie vertrauen können, wenn sie einmal Rat und Hilfe benötigen. Beispielsweise wenn vergessen wurde, die Pille einzunehmen.
Die jeweilige Methode zur Verhütung einer Schwangerschaft muss sorgfältig geprüft und ausgewählt werden. Hier kann Fachliteratur hilfreich sein. Unbedingt sollte eine Fachärztin oder ein Facharzt zu Rate gezogen werden, um in Absprache mit ihr oder ihm die passende Verhütungsmethode zu wählen. Es muss berücksichtigt und geklärt werden, ob Belastungen durch Krankheiten vorliegen und welche Medikamente (z. B. Antiepileptika) eingenommen werden.

Sterilisation

Sterilisation ist ein Eingriff, der nur unter genau beschriebenen Bedingungen zugelassen wird. Diese Bedingungen sind im Betreuungsgesetz geregelt. Hier die wichtigsten Eckpunkte:

  • Zwangssterilisation und Sterilisation Minderjähriger ist verboten.
  • Sterilisation ist grundsätzlich nur zulässig, wenn die betreffende Person selbst einwilligt.
  • Die Sterilisation einwilligungsunfähiger Menschen ist sehr erschwert (§ 1905 BGB): Das Betreuungsgericht setzt einen besonderen Betreuer ein, der keine sonstigen Betreuungsaufgaben gegenüber der Person haben darf. Dessen Einwilligung bedarf der Genehmigung durch das Betreuungsgericht. Diese darf erst erteilt werden, wenn zumindest zwei befürwortende Gutachten vorliegen, und zwar zu den medizinischen, psychologischen, sozialen, sonderpädagogischen und sexualpädagogischen Gesichtspunkten.

Somit wird deutlich: Eine Sterilisation soll, wenn die betroffenen Menschen nicht selbst zustimmen können, nur als allerletzte Möglichkeit in Betracht kommen. Sie soll erst dann greifen, wenn alle anderen Methoden der Schwangerschaftsverhütung ausgeschlossen werden müssen.

Weitere Informationen dazu im „Infoblatt der bundesorganisationsstelle behinderte frauen“.

Kinderwunsch und Elternschaft

Auch Menschen mit geistiger Behinderung haben häufig den Wunsch, eigene Kinder zu bekommen. Artikel 23 der UN-Behindertenrechtskonvention beschäftigt sich mit der Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung "in allen Fragen der Ehe, Familie, Elternschaft und Partnerschaft". Darin wird sowohl ihr Recht auf Eheschließung und Familiengründung anerkannt als auch "auf freie und verantwortungsbewusste Entscheidung über die Anzahl ihrer Kinder und die Geburtenabstände" (§ 23, 1b).
Wichtig für viele Menschen mit Behinderung – insbesondere mit einer geistigen Behinderung – ist, dass sie Unterstützung und Hilfe bekommen, sowohl bei der Familienplanung als auch während der Elternschaft. Auch hierzu verpflichtet die UN-BRK in Artikel 23 die Vertragsstaaten. Menschen mit einer geistigen Behinderung sind durchaus in der Lage, Kinder großzuziehen, wenn sie dabei genügend unterstützt werden. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Begleitete Elternschaft bietet diese Unterstützungsangebote.
 
Weitere Informationen hierzu im Familienratgeber-Artikel "Mütter mit Behinderung"

Linktipps:

Buchtipp:

Leben pur – Liebe, Nähe, Sexualität bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen

Weitere Literaturtipps zu diesem Thema finden Sie auch in unser Bücherecke

Video:
Aufklärungsfilm "Liebe und so Sachen..." von Pro Familia und Aktion Mensch


Stichworte, die diesem Artikel zugeordnet wurden:

Beziehung, Kinderwunsch, Partnerschaft, Pubertät, Schwangerschaft, Sexualberatung, Sexualität, Sterilisation

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