Alleinerziehende Mütter und Väter von Kindern mit Behinderung

Mutter mit kleinem Jungen mit Down-Syndrom

Alleinerziehende mit einem Kind mit Behinderung stehen vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits fehlt der zweite Elternteil, der Verantwortung übernehmen und Arbeit abnehmen kann, der zum Einkommen der Familie beitragen und sich auch mit dem Kind oder den Kindern beschäftigen kann. Hinzu kommt andererseits die Behinderung des Kindes. Diese Doppelbelastung kostet viel Zeit und Kraft, manchmal mehr als eine Person leisten kann. Nicht selten sind Überlastung und materielle Sorgen die Folge.

Um so wichtiger ist es, über Hilfsangebote sowie über finanzielle und rechtliche Fragen gut informiert zu sein. Zu wissen, wo man Pflegegeld beantragen kann, welche Möglichkeiten „Familienunterstützende Dienste“ bieten oder welche steuerlichen Vergünstigungen Eltern von Kindern mit Behinderung zustehen, löst nicht alle Probleme, kann aber zur Entspannung der schwierigen Situation erheblich beitragen.

Armutsrisiko Alleinerziehend

Gesellschaften verändern sich. Auch die Situation und die familiären Umstände, in denen Kinder aufwachsen, haben sich bei uns verändert. In deutschen Großstädten lebt fast die Hälfte aller Kinder im Haushalt eines Elternteils. Dennoch ist der Begriff „Familie“ nach wie vor vom klassischen Familienbild „Vater, Mutter und Kinder“ geprägt. Alleinerziehende sind gegenüber anderen Familienformen schlechter gestellt (Steuerrecht, Unterhalt). Oft mangelt es an flexiblen Arbeitszeiten und Kinderbetreuungsangeboten.
Auch deshalb sind Alleinerziehende überdurchschnittlich oft vom Armutsrisiko betroffen (vergleiche: Der Paritätische, Armutsbericht 2012). Kommt ein Kind mit Behinderung hinzu, wird die Situation meist noch prekärer. Die intensive Betreuung des Kindes macht es schwieriger, einer Beschäftigung mit festgelegten Arbeitszeiten nachzugehen. Außerdem sind Hilfsmittel und Medikamente teuer und werden nicht immer von der Kranken- oder Pflegekasse übernommen.
Um Armut abzuwenden und die bestmögliche Förderung des Kindes zu erhalten, ist die Klärung von Sachfragen wie „Kann eine Berufstätigkeit organisiert werden?“, „Wo und von wem kann das Kind regelmäßig betreut werden?“, „Wo gibt es Frühförderstellen?“ sehr wichtig.

Leistungen der Pflegeversicherung und Pflegestufen

Kinder mit Behinderung sind über die Kranken- und Pflegeversicherung der Eltern mitversichert. Dies gilt ohne Altersbegrenzung, wenn das Kind wegen körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung außerstande ist, sich selbst zu unterhalten.

Um Leistungen zu erhalten, muss zunächst ein Antrag bei der zuständigen gesetzlichen oder privaten Krankenkasse gestellt werden. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) nimmt anschließend die Einstufung in eine Pflegestufe vor. Die Höhe der Sach- bzw. Geldleistungen (Pflegegeld) richtet sich nach der Einstufung des Kindes in die jeweilige Pflegestufe. Pflegen Alleinerziehende ihr Kind mit Behinderung selbst, erhalten sie das Geld direkt. Unter Sachleistung wird die Unterstützung durch professionelle Pflegekräfte (ambulante Dienste) verstanden.
Die Leistungen der Pflegeversicherung reichen von 120 Euro (Pflegegeld bei Pflegestufe „0“) bis zu 1.612 Euro, in Härtefällen bis zu 1.918 Euro (Pflegesachleistung bei Pflegestufe III).
Bei Verhinderung der pflegenden Person wegen Urlaub oder Krankheit übernimmt die Pflegekasse die Kosten einer Ersatzkraft für längstens vier Wochen jährlich in Höhe von maximal 1.612 Euro.

Näheres zu den Pflegestufen und den Leistungen der Pflegekasse im Artikel „Leistungen der Pflegeversicherung im Überblick“.

Wichtig:
Beziehen Alleinerziehende für ein Kind mit Behinderung Pflegegeld, dann hat das keine Auswirkungen auf die Höhe des Unterhalts, der von dem unterhaltspflichtigen Elternteil für das Kind gezahlt werden muss.
An pflegende Angehörige weitergegebenes Pflegegeld bleibt steuerfrei. Das gilt auch, wenn das Pflegegeld an Nachbarn oder Freunde weitergegeben wird und diese das Kind pflegen. Außerdem wird das Pflegegeld auch nicht als Einkommen auf das Arbeitslosengeld II bzw. die Hilfe zum Lebensunterhalt angerechnet.
Können Alleinerziehende wegen eines Krankenhaus- oder Kuraufenthaltes ihr Kind nicht versorgen, stellt die Krankenkasse in bestimmten Fällen eine Haushaltshilfe, unabhängig von den Leistungen der Pflegeversicherung. Voraussetzung hierfür ist, dass mindestens ein Kind unter 12 Jahren oder ein pflegebedürftiges Kind mit Behinderung in der Familie ist und sonst niemand im Haushalt lebt, der die Familie versorgen kann.
Bedarf das Kind mit Behinderung einer ständigen Beaufsichtigung, so kann zusätzlich zum Pflegegeld ein Betreuungsbetrag nach dem Pflegeleistungsergänzungsgesetz von bis zu 460 Euro beantragt werden.

Weitere Unterstützungsleistungen

Zusätzlich zu den Sach- und Geldleistungen besteht ein Anspruch auf Pflegehilfsmittel und technische Hilfen. Dies sind zum Beispiel die Kosten für Windeln bei inkontinenten Kindern oder Kosten für ein Notrufsystem. Auch Umbauarbeiten in der Wohnung, zur verbesserten Barrierefreiheit, werden mit bis zu 2.557 Euro je Maßnahme unterstützt. Dieser Betrag zur "Verbesserung des Wohnumfeldes" kann bis zu viermal höher ausfallen - also bis zu insgesamt 10.288 Euro - wenn mehrere Anspruchsberechtigte zusammenwohnen. Außerdem werden für Mütter und Väter, die ihr Kind selbst pflegen, Rentenversicherungsbeiträge übernommen – abgestuft nach dem Grad der Pflegebedürftigkeit. Voraussetzung ist, dass man nicht mehr als 30 Stunden pro Woche erwerbstätig ist und das Kind mindestens 14 Stunden wöchentlich zu Hause gepflegt wird.

Steuerliche Vergünstigungen und Kindergeld

Auf Eltern von Kindern mit Behinderung kommen im Alltag oft erhebliche Mehraufwendungen und Kosten zu. Um diese Nachteile auszugleichen, werden ihnen entsprechende Ausgaben im Steuerrecht als „außergewöhnliche Belastung“ anerkannt. Dieser Freibetrag (auch Pauschbetrag genannt) kann geltend gemacht werden, ohne die einzelnen Aufwendungen nachzuweisen. Eltern können den Pauschbetrag für ihr Kind mit Behinderung auf sich übertragen lassen, es sei denn, das (erwachsene) Kind arbeitet und nimmt den Pauschbetrag für sich selbst in Anspruch. Voraussetzung für die Übertragung des Pauschbetrags ist, dass die Eltern für das Kind Kindergeld oder einen Kinderfreibetrag erhalten.

Eltern von Kindern mit Behinderung erhalten einen Pauschbetrag von 310 bis 1.420 Euro.
Eltern von einem Kind mit Schwerbehinderung, mit den im Schwerbehindertenausweis eingetragenen Merkzeichen „H“ oder „Bl“, erhalten einen erhöhten Pauschbetrag von 3.700 Euro pro Jahr. Die entsprechenden Pauschbeträge werden auf der Lohnsteuerkarte eingetragen und gelten für das ganze Kalenderjahr. Ihre Höhe richtet sich nach dem festgestellten Grad der Behinderung (GdB).

Grad der Behinderung und Pauschbetrag

  • GdB 25 und 30 310 Euro
  • GdB 35 und 40 430 Euro
  • GdB 45 und 50 570 Euro
  • GdB 55 und 60 720 Euro
  • GdB 65 und 70 890 Euro
  • GdB 75 und 80 1.060 Euro
  • GdB 85 und 90 1.230 Euro
  • GdB 95 und 100 1.420 Euro

Liegen die tatsächlichen Aufwendungen aufgrund der Behinderung über den jeweiligen Pauschbeträgen, können statt des Pauschbetrages die erhöhten Aufwendungen steuerlich berücksichtigt werden, allerdings mit einer zumutbaren Eigenbelastung.
Über den Pauschbetrag hinaus können auch außergewöhnliche Belastungen steuerlich abgesetzt werden. Beispielsweise für eine Hilfe im Haushalt von bis zu jährlich 924 Euro, wenn das im Haushalt lebende Kind eine Schwerbehinderung hat.

Kinder mit Behinderung, die nicht selbst für ihren Unterhalt sorgen können, erhalten Kindergeld, unabhängig von ihrem Alter.
Alleinerziehende Mütter und Väter von einem Kind mit Behinderung müssen das halbe Kindergeld und den halben Pauschbetrag an den unterhaltspflichtigen Elternteil abgeben, wenn dieser seiner Unterhaltsverpflichtung nachkommt. Eine andere Aufteilung ist möglich, wenn die Eltern diese gemeinsam beantragen. Auskünfte über Steuervergünstigungen erteilen die zuständigen Finanzämter.

Weitere Informationen bietet der Familienratgeber-Artikel "Steuerfreibeträge".

Familienunterstützung

Damit pflegende und betreuende Angehörige von Kindern oder Erwachsenen mit Behinderung auch einmal Zeit für sich haben und „durchatmen“ können, gibt es den Familienentlastenden Dienst (FED), auch Familienunterstützender Dienst (FUD) genannt.
Die Angebote des FED oder FUD verschaffen beispielsweise alleinerziehenden Müttern und Vätern von Kindern mit Behinderung Freiräume zur Erholung und eigenen Freizeitgestaltung. Andererseits verhelfen sie dem Kind oder Jugendlichen mit Behinderung zu mehr Selbstständigkeit und Selbstbestimmung während der Zeit außerhalb des Elternhauses.
Art und Umfang der Unterstützung orientieren sich an den jeweiligen Bedürfnissen der Familie. Dabei kann es sich beispielsweise um stundenweise, tageweise und mehrtägige Betreuungs- und Pflegehilfen handeln; wahlweise in der Familienwohnung oder in Betreuungsräumen des Familienentlastenden Dienstes. Oder um Begleitung und Assistenz bei Kindergarten, Schule, Wohnen, Arbeit und Freizeit. Oder auch einfach um Fahrdienste.
Die Familien entscheiden in den meisten Fällen mit, welche Art und welcher Umfang der Hilfe für sie sinnvoll ist. Die Inanspruchnahme der Angebote durch die alleinerziehenden Eltern beruht jedoch auf festen Vereinbarungen zwischen den Familien und den FEDs oder FUDs. Ob und wenn ja, welche Leistungen finanziell übernommen werden, entscheiden die Krankenkassen und die Sozialhilfeträger.
Träger dieser Dienste und Hilfen sind meistens Wohlfahrts- oder Behindertenverbände, wie Diakonie, Caritas oder Lebenshilfe.

Mehr dazu im Familienratgeber-Artikel „Entlastung in der Familie

Beruflicher Wiedereinstieg

Der Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. (bvkm) widmete sich 2013/2014 mit seinem Projekt „Wiedereinstieg mit besonderen Herausforderungen“ intensiv den Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ganz besonders sollte dabei die Lebenslage von Müttern von Kindern mit Behinderung deutlich gemacht, der Erfahrungsaustausch untereinander gefördert und die Anliegen der Frauen in die Öffentlichkeit getragen werden.
Eine 68-seitige Broschüre mit dem Titel "Wiedereinstieg mit besonderen Herausforderungen" kann man auf der Internetseite des bvkm bestellen. Berücksichtigt wird darin auch die Situation von Alleinerziehenden. Die Broschüre enthält Handlungsempfehlungen, wie Frauen mit besonderen Herausforderungen im beruflichen Wiedereinstieg angemessen unterstützt werden können und wie die Situation von Familien, in denen Kinder mit Behinderungen leben, verbessert werden kann.

Selbsthilfegruppen

Wichtig für Alleinerziehende mit Kind mit Behinderung ist der Kontakt zu anderen Eltern bzw. Alleinerziehenden. Einerseits tut es gut, zu erfahren, dass auch andere sich in einer ähnlichen Situation befinden. Andererseits ist der Informationsaustausch ungemein wichtig. Wenn es zum Beispiel darum geht, finanzielle Unterstützung oder neue Hilfsmittel zu beantragen oder um die Frage, welche Argumentationen die Pflegekasse zur Bewilligung akzeptiert, sind Tipps und Erfahrungen von anderen oft sehr hilfreich. Im Internet finden sich einige Selbsthilfegruppen, eventuell auch in Wohnortnähe.

Adressdatenbank des Familienratgebers

Linktipps:

Verband alleinerziehender Mütter und Väter, Bundesverband e.V.

INTAKT – Internetplattform für Eltern von Kindern mit Behinderung

Online-Beratung der Caritas bei Behinderung und psychischen Erkrankungen

AmbeKi - Alleinerziehende mit behinderten KindernSelbsthilfegruppe

Bayerische Alleinerziehende mit behinderten Kindern e.V. – Selbshilfegruppe

Bundesvereinigung Eltern blinder und sehbehinderter Kinder e. V.

Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe e.V. - Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen

allfabeta – Kontakt_Netz für allein erziehende Frauen mit Kindern mit Behinderung

Berufstätig sein mit einem behinderten Kind – Wegweiser für Mütter mit besonderen Herausforderungen

Buchtipp:

Alleinerziehend - Tipps und Informationen – Bestseller des VAMV in 20. Auflage:
Inhalt:
Wo bekomme ich finanzielle Unterstützung? Was sind meine Ansprüche? Welche Rechte hat mein Kind? Antworten auf diese und viele weitere Fragen finden sich in diesem Taschenbuch. Verband alleinerziehender Mütter und Väter, Bundesverband e.V. - VAMV (Hrsg.), Berlin 2012, 216 Seiten, 5,- Euro


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